Der Sozialstaat soll digitaler, schneller und einfacher werden. Doch Digitalisierung allein garantiert den Bürger*innen noch keinen Zugang. Wer keinen Computer besitzt, Schwierigkeiten mit digitalen Anträgen hat oder seine sozialrechtlichen Ansprüche nicht kennt, darf nicht abgehängt werden. Anlässlich des Digitalgipfels der Bundesregierung in Berlin empfiehlt der Deutsche Caritasverband (DCV) gemeinsam mit der Agora Digitale Transformation und dem Sonderforschungszentrum des Deutschen Instituts für interdisziplinäre Sozialpolitikforschung (DIFIS SoFo), die Beratungsstellen der Freien Wohlfahrtspflege als feste wohnortnahe Anlaufstellen im digitalen Sozialstaat zu verankern.
Susanne Pauser, Caritas-Vorstand Personal und Digitales: "Die Beratungsstellen der Wohlfahrtsverbände sind längst das bewährte Front Office des digitalen Sozialstaats. Sie sind wohnortnah, niedrigschwellig, unabhängig, verfügen über sozialrechtliche Kompetenz und kennen Behördenvorgänge. Es wäre weder wirtschaftlich noch sinnvoll, diese Strukturen durch neue staatliche Anlaufstellen zu ersetzen oder ausschließlich auf Digitallotsen ohne sozialrechtliche Beratungskompetenz zu setzen."
In den kommenden Wochen stehen wichtige politische Entscheidungen zur Digitalisierung des Sozialstaats an. Die Sozialstaatskommission empfiehlt ein zentrales digitales Sozialportal, über das Bürger*innen Leistungen von Bund, Ländern und Kommunen beantragen können. Gleichzeitig sollen Menschen, die digitale Angebote nicht eigenständig nutzen können, Unterstützung vor Ort erhalten. Wie diese organisiert und finanziert werden soll, ist bislang offen.
Bestehende Beratungsstellen stärken statt teure Doppelstrukturen schaffen
Die Beratungsstellen der Freien Wohlfahrtspflege übernehmen bereits heute eine wichtige Brückenfunktion zwischen Bürger*innen und der Sozialverwaltung. Ob Allgemeine Sozialberatung, Schuldnerberatung, Wohnungslosenhilfe oder Migrationsberatung, sie unterstützen Menschen bei komplexen Problemlagen, klären sozialrechtliche Ansprüche und helfen bei der Antragstellung. Wie groß der Unterstützungsbedarf ist, zeigt eine Stichtagserhebung der Allgemeinen Sozialberatung der Caritas: 42,6 Prozent der Ratsuchenden haben Schwierigkeiten mit digitalen Verfahren. Fehlende technische Ausstattung, komplizierte Antragswege und mangelnde Verständlichkeit erschweren den Zugang zu staatlichen Leistungen.
"Ein digitaler Sozialstaat muss für alle Menschen erreichbar bleiben. Wer Sozialleistungen beantragt, braucht oft mehr als technische Unterstützung. Es geht um existenzielle Fragen, um sozialrechtliche Ansprüche und um die Sicherheit, die Hilfe zu bekommen, die einem zusteht. Deshalb dürfen wir digitale Zugänge und persönliche Beratung nicht gegeneinander ausspielen. Das ist sozial gerecht, wirtschaftlich vernünftig und entlastet zugleich die Verwaltung", so Pauser.
Digitalisierung darf keine neuen Hürden schaffen
Die Digitalisierung des Sozialstaats bietet große Chancen: weniger Bürokratie, schnellere Verfahren und einen einfacheren Zugang zu staatlichen Leistungen. Diese Chancen können jedoch nur genutzt werden, wenn die digitalen Angebote auch für Menschen mit geringem Einkommen, eingeschränkten Sprachkenntnissen oder wenig digitaler Erfahrung erreichbar sind.
Hintergrund:
Das gemeinsame Positionspapier von Deutscher Caritasverband, Agora Digitale Transformation und DIFIS SoFo befasst sich mit der Rolle unabhängiger Beratungsangebote bei der Digitalisierung des Sozialstaats. Es formuliert konkrete Empfehlungen für die institutionelle Verankerung, die technische Gestaltung digitaler Antragsverfahren und die Qualifizierung von Beratungsfachkräften.